Liebe Deinen NächstenStart: Nächstenliebe

 

Definition

Der Begriff Nächstenliebe bezeichnet die Bereitschaft einer Person ihren Mitmenschen zu helfen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einem unterstützenden Handeln, und nicht auf einer emotionalen Zugewandtheit (siehe auch das Zitat von Luther weiter unten). Diese „soziale“ Definition beruht letztendlich auf dem Prinzip des Altruismus und das entsprechende Antonym wäre dann Selbstliebe bzw. Narzissmus.

Allerdings ist es Gegenstand der Forschung wie, und mit welcher Bedeutung, der Begriff in den alten Religionen des Vorderen Orients genutzt wurde. Falls überhaupt. Denn wann haben Sie zum letzten Mal das Substantiv „Nächstenliebe“ ausgesprochen? Auch heute ist das Wort hauptsächlich im Schrifttum vorhanden und kommt in der Alltagssprache, insbesondere außerhalb religiöser Gebäude, so gut wie nicht vor.

Synonyme

Menschlichkeit, Wohltätigkeit, Güte, Mildtätigkeit, Mitgefühl, Sanftmut, Milde, Barmherzigkeit, Menschenfreundlichkeit, Humanität, Philanthropie, Erbarmen, Mitleid, Menschenliebe, Freundlichkeit, humane Gesinnung, Idealismus.

Herkunft

Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm wird „Nächstenliebe“ definiert als „Liebe zum Nächsten, Menschenliebe“. Im heutigen Sprachgebrauch ist der Begriff schwer von den Begriffen Altruismus (Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise) und Mitgefühl / Empathie abzugrenzen.

Altes Testament

3. Buch Mose (Levitikus) 19,18

An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin JHWH.

Bibeltext der englischen King James Übersetzung

Thou shalt not take vengeance, nor bear any grudge against the children of thy people, but thou shalt love thy neighbor as thyself: I am the LORD.

Bibeltext der Nova Vulgata; also der vom Vatikan autorisierten lateinischen Übersetzung

Non quaeres ultionem nec irasceris civibus tuis. Diliges proximum tuum sicut teipsum. Ego Dominus.

Neues Testament

Matthäus 22,34–40
Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.
Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte:
Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?
Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Diese beiden in den Versen angesprochenen Gebote werden im Katechismus auch als die „Großen Gebote“ oder das „größte Gebot“ (obwohl es ja zwei sind) bezeichnet. Im griechischen Original wird der Begriff „Agape“ verwendet.

Auslegung

Die "Zehn Gebote" des Alten Testaments kennen weder eine direkte noch indirekte Analogie zu den beiden obigen Zitaten.

Die als Alternative zur Lutherbibel angestrebte Übersetzung des hebräischen Teils der Bibel durch Martin Buber und Franz Rosenzweig Anfang bis Mitte des 20igsten Jahrhunderts, übersetzt die Stelle ganz geringfügig abweichend:

3. Buch Mose (Levitikus) 19,18
Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.

Das Alte Testament ist auf Hebräisch (das in der Schriftform ohne Vokale notiert wurde, also „lieben“ und „leben“ würden beide als LBN geschrieben, siehe auch „Punktation“) überliefert, das Neue Testament ist im Original auf Griechisch verfasst, und nach Meinung der Gelehrten sprach Jesus vornehmlich Aramäisch. Auch wenn er vermutlich auch Griechisch und Hebräisch gelernt hatte, hätten ihn die meisten Zuhörer nicht verstehen können, da eben Aramäisch die mit Abstand am weitesten verbreitete Sprache im damaligen Palästina war.

Nächstenliebe in der christlichen Gemeinde

Die Nächstenliebe ist ein zentraler Begriff der christlichen Ethik. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten gelten als gleichrangige Forderungen.

Im Zusammenspiel mit Feier (Liturgia) und Verkündigung / Zeugnis (Martyria) ist die tätige Nächstenliebe (griech.: Diakonia, lat.: Caritas) einer der drei Grundvollzüge christlicher Gemeinde bzw. Kirche.

Islam

Nach muslimischer Überzeugung ist der Koran (Lesung, Rezitation, Vortrag) die schriftliche Fassung einer wörtlichen Offenbarung Gottes (arab. Allah) die mündlich durch den Engel Gabriel (Jibril) dem Propheten Mohammed vermittelt wurde („Diktatverständnis“ des Korans). Dies geschah nach und nach über einen Zeitraum von etwa 23 Jahren, beginnend am 22. Dezember 609 n.Chr., als Mohammed 40 Jahre war, und endete 632, dem Jahr seines Todes.

Der Quran besteht aus 114 Kapiteln unterschiedlicher Länge, die jeweils als Sure bezeichnet werden. Die Verse heißen Āya (wörtlich: Zeichen, Wunder oder Beweis) im Plural Āyāt. Die Suren haben eine recht unterschiedliche Anzahl von Versen, insgesamt sind es 6.346 Stück mit insgesamt 77.000 Wörtern.
Zum Vergleich: Altes Testament knapp 600.000 Worte; Neues Testament etwa 180.000 Wörter; Sakrileg - Der Da Vinci Code etwa 188,000 Wörter. Die Zahlen können natürlich je nach Sprache oder Ausgabe variieren, aber bilden eine ausreichend genau Grundlage.

Wie schon oben ausgeführt, kommt der Begriff „Nächstenliebe“ in den heiligen Schriften des Christentums nicht vor, und auch nicht im Koran. Wir haben hier also eine weitere Gemeinsamkeit der beiden grüßen Weltreligionen.

Sure 42:23 "Dies ist es, wovon Allah Seinen Dienern, die glauben und gute Werke tun, die frohe Botschaft gibt. Sprich: "Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe zu den Verwandten." Und dem, der eine gute Tat begeht, verschönern Wir sie noch. Wahrlich, Allah ist Allverzeihend, Dankbar."

Hadith

Ein Hadith (wörtlich: Bericht, Mitteilung, Erzählung) ist eine schriftliche Aufzeichnung der die die Worte, Handlungen oder Gewohnheiten des islamischen Propheten Mohammed beschreibt. Sie basieren auf mündlich tradierten Berichten die nach dem Tod des Propheten in der damaligen Gesellschaft im Umlauf waren und auf diese Wiese für die nachfolgenden Generationen verfügbar gemacht wurden.

Die große Bedeutung der Hadithe im Islam ergibt sich daraus, dass die Handlungsweise (Sunna) des Propheten normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Normenlehre (Fiqh) darstellt.
Verschiedene Zweige des Islam (Sunniten, Schiiten) beziehen sich auf verschiedene Sammlungen von Hadithen, und einige Gruppen lehnen die Autorität der Hadith-Sammlungen vollständig ab und akzeptieren nur Koran als Offenbarung.
Einzelne Hadithe werden von muslimischen Geistlichen und Juristen als sahih ("authentisch"), hasan ("gut") oder da'if ("schwach") eingestuft, jedoch ist diese Klassifizierung von der Schulrichtung abhängig.

Jeder Hadith besteht aus zwei Teilen, dem Text selbst, und einer Aufzeichnung der Kette der Überlieferungen.

„Niemand von Euch hat den Glauben erlangt, solange er nicht für seine Brüder liebt, was er für sich selbst liebt.“

„Keiner von Euch hat den Glauben erlangt, solange ihr für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch selbst liebt.“

„Jener Mensch ist gerecht, der für die anderen Menschen so viel Liebe aufbringt, wie er sich für sich selbst ersehnt.“

Almosengabe

Die sogenannten "Fünf Säulen des Islam" sind fünf grundlegende Handlungen im Islam, die als obligatorisch für die Gläubigen sind und die Grundlage des muslimischen Lebens bilden.
Die Schiiten und Sunniten sind sich einig über die wesentlichen Aspekte und Praxis dieser Handlungen, aber die Schiiten haben nicht fünf, sondern zwölf oder zehn oder sieben Säulen. Aber das sind Details, die in diesem Zusammenhang nicht relevant sind, aber zeigen das es den „Islam“ genauso wenig gibt wie das „Christentum“ (nur zur Erinnerung: Griechisch-Orthodox, anglikanischen Kirchen, Katholiken, Presbyterianer, Mennoniten, Baptisten, Pietisten, Quäker, Adventisten, usw.)

  1. Schahāda (islamisches Glaubensbekenntnis)
  2. Salāt (Pflichtgebet)
  3. Zakāt (Almosengabe)
  4. Saum (Fasten im Ramadan)
  5. Haddsch (Pilgerfahrt nach Mekka)

Die Unterstützung der Bedürftigen gilt als Zeichen der echten Frömmigkeit und daher zahlt jeder gläubige Muslim die Almosensteuer (Zakāt).

Übersetzung

Zunächst einmal existiert das Substantiv „Nächstenliebe“ weder im Alten noch im Neuen Testament. Wann genau es sich aus dem Text der Luther-Übersetzung entwickelt hat ist Gegenstand der Forschung, aber auf jeden Fall ein germanisches Phänomen.
Das zeigt auch sehr deutlich, dass die deutsche Wikipedia diesen Begriff (den sie mit sage und schreibe 8.100 Wörtern umschreibt; Stand April 2016) auf nur 14 weitere Sprachen verlinkt, und z.B. auf die englische Seite „Great Commandment“ als analoge Seite (1.500 Wörter) verweist (links im Menü unter „In anderen Sprachen“). Um einen Anhaltspunkt zu haben, wie andere Begriffe verlinkt sind:

Liebe verweist auf 134 Sprachen
Glaube verweist auf 64 Sprachen

Andere Sprachen

Französisch

Tu ne te vengeras pas et tu ne garderas pas de rancune envers les membres de ton peuple, mais tu aimeras ton prochain comme toi-même. Je suis l'Eterne.

Englisch

Thou shalt not avenge, nor bear any grudge against the children of thy people, but thou shalt love thy neighbour as thyself: I am the LORD.

Italienisch

Non ti vendicherai e non serberai rancore contro i figli del tuo popolo, ma amerai il prossimo tuo come te stesso1. Io sono il Signore.

Spanisch

No seas vengativo con tu prójimo, ni le guardes rencor. Ama a tu prójimo como a ti mismo. Yo soy el Señor

Portugisisch

Não procurem a vingança, não alimentem a má vontade contra ninguém. Amem o vosso próximo como a vós mesmos, porque eu sou Jeová.

Da vielen Sprachen der direkte Begriff “Nächstenliebe” fehlt, wird es häufig, wie zum Beispiel im Englischen, mit Begriffen wie “charity, philanthropy, altruism, humanitarian“ übersetzt, die freilich den deutschen Kontext nicht wiedergeben.

Caritas

Gerade das englische „charity“ hat ganz eindeutig einen Handlungsbezogenen Kontext (der auch tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist) und lässt sich am besten mit „Wohltätigkeit“ übersetzen (aber auch Großzügigkeit, Güte, Freigiebigkeit, Wohlwollen, Gutmütigkeit, Uneigennützigkeit, Schenkung und Almosen sind mögliche Bedeutungen) Der Begriff stammt vom lateinischen „caritas“ (Liebe) und über den hat sich der Kirchenvater Thomas von Aquin in epischer Breite ausgelassen:

Sed caritas qua diligitur Deus et proximus, est perfectissima amicitia. [Lateinisch]

But charity, by which God and neighbor are loved, is the most perfect friendship. [Englisch]

Aber die Liebe, mit der Gott und der Nachbar geliebt werden, ist die perfekte Freundschaft. [Deutsch]

 

Respondeo. Dicendum, quod caritas nullo modo potest simul esse cum peccato mortali. [Lateinisch]

I answer. It must be said that charity can, in no way, exist along with mortal sin. [Englisch]

Ich antworte. Es muss gesagt werden, dass die Nächstenliebe in keiner Weise zusammen mit der Todsünde existieren kann. [Deutsch]

 

Gemäß Google Translate vom Mai 2016 lautet die Übersetzung des zweiten Zitats vom lateinischen ins deutsche wie folgt. Note: Fünfe, setzen!

Antwort. Es sollte gesagt werden, dass eine Wohltätigkeitsorganisation keiner Weise kann sie zugleich zu sein mit Todsünde sein kann. [Computer-Deutsch]

 

Und passend zum Thema „Caritas“ ein gleichnamiges Lied (auf Lateinisch und Englisch) des zum Islam konvertierten, und seit dem quasi nicht mehr gesehenen, Sängers Cat Steven aus dem Jahr 1972; etwa 3 Minuten und 30 Sekunden lang.

 

Zitate zur Nächstenliebe

"Liebe deinen Jetzigen und nicht erst deinen Nächsten." [Peter Hille; 1854 - 1904; deutscher Dichter & Aphoristiker]

"Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde." [Aurelius Augustinus; 354 - 430; Bischof von Hippo in Nordafrika; Philosoph & Kirchenvater & Heiliger]

"Vergess nicht, dich selbst zu lieben." [Sören Kierkegaard; 1813-1855; dänischer Philosoph & Theologe & Schriftsteller]

"Man tut besser daran, wenn man dem Nächsten einen Pfennig gibt, als wenn man Petrus eine Kirche baut; denn das ist von Gott geboten, jenes aber nicht. [Martin Luther; 1483 - 1546; deutscher Theologe & Reformator]

"Weil sie nichts lieben, meinen sie Gott zu lieben." [Charles Pierre Péguy; 1873-1914; französischer Dramatiker]

"Menschen darf man nicht auf solche Weise lieben, wie man die Feinschmecker hört: 'Ich liebe Karpfen'." [Aurelius Augustinus; 354 - 430; Bischof von Hippo in Nordafrika; Philosoph & Kirchenvater & Heiliger]

 


 

In diesem Sinne & Nix für ungut.